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Trendstudie Pflege & Soziales 2026: Warum Digitaliserung allein nicht reicht

Die Trendstudie Pflege & Soziales 2026 zeigt: Die Digitalisierung ist im Versorgungsalltag angekommen, doch gewonnene Zeit führt nicht automatisch zu spürbarer Entlastung. 80,6 Prozent der Befragten berichten, dass eingesparte Zeit unmittelbar von anderen Aufgaben beansprucht wird. Im Gespräch ordnet myneva CEO Dieter Weisshaar die Ergebnisse der Studie ein und erklärt, was sie für Fachkräfte, Qualität und die Zukunft der Versorgung bedeuten.

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Vanessa Gerdung

Veröffentlicht: 16.10.2026
Inhaltsverzeichnis

Das Wichtigste in Kürze

  • Zeitgewinn bedeutet nicht automatisch Entlastung: 80,6 % der befragten Fachkräfte berichten, dass eingesparte Zeit unmittelbar von anderen Aufgaben beansprucht wird. Entscheidend ist deshalb, wie Zeitgewinne für bessere Versorgung und eine geringere Arbeitsbelastung genutzt werden.
  • Digitale Assistenz braucht nahtlose Integration: 63,8 % wünschen sich digitale Unterstützung, die passende Informationen zur richtigen Zeit bereitstellt. Damit sie im Alltag entlastet, muss sie direkt mit der bestehenden Software zusammenarbeiten und manuelle Übertragungen überflüssig machen.
  • Technik allein reicht nicht aus: Fehlende Infrastruktur, unzureichende Investitionsanreize und Schulungsbedarf erschweren die Nutzung digitaler Lösungen. Damit ihr Potenzial ankommt, brauchen Einrichtungen verlässliche technische Voraussetzungen und Mitarbeitende gezielte Unterstützung.
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Über unseren Experten  

Dieter Weisshaar ist CEO der myneva Group. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Führungserfahrung in internationalen Technologie- und Softwareunternehmen und begleitet seit vielen Jahren digitale Transformationsprozesse. Dabei verbindet er strategische Unternehmensführung mit einem tiefen Verständnis dafür, wie digitale Technologien Prozesse vereinfachen und Menschen im Arbeitsalltag entlasten.

Worauf liegt der Fokus der Trendstudie Pflege & Soziales 2026?

Mit der Trendstudie Pflege & Soziales 2026 untersucht myneva zum dritten Mal, wie Fachkräfte im Sozialwesen ihren Arbeitsalltag erleben und welche Rolle digitale Technologien dabei spielen. Während 2024 und 2025 vor allem der Stand der Digitalisierung und die Erwartungen an digitale Lösungen erfasst wurden, steht 2026 deren Wirkung im Mittelpunkt. Die Studie untersucht, wie gewonnene Zeit genutzt wird und welchen Beitrag digitale Lösungen zur Entlastung und zur Qualität der Versorgung leisten.

Dazu hat das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag von myneva 3.525 Fachkräfte aus sieben europäischen Ländern befragt. Ihre Erfahrungen bilden die Grundlage für eine faktenbasierte Diskussion über die Zukunft der Versorgung. 2026 richtet sich der Blick damit auf den nächsten Entwicklungsschritt von digitalisierten Prozessen hin zu digitalen Assistenten, die Fachkräfte täglich bei ihrer Arbeit unterstützen, und darauf, welche Entlastung sie im Versorgungsalltag wirklich schaffen können.

 

Wie blicken Fachkräfte auf die Digitalisierung?

Positiv ist zunächst, dass die Digitalisierung voranschreitet. Europaweit geben 60,3 Prozent der Befragten an, digitale Lösungen häufig oder sehr häufig im Arbeitsalltag zu nutzen. Gleichzeitig bleiben Lücken: Nur 49,2 Prozent nutzen mobile Anwendungen. Damit ist gerade dort noch Potenzial vorhanden, wo Informationen unmittelbar während der Betreuung erfasst werden und zusätzliche Arbeitsschritte durch manuelle Übertragungen vermieden werden könnten.  

Überraschend ist außerdem, wie unterschiedlich Fachkräfte den Nutzen der Digitalisierung einschätzen. Erfahrene Fachkräfte, insbesondere in der Altersgruppe zwischen 40 und 50 Jahren, sehen darin eine wichtige Unterstützung für den Berufseinstieg und für die Überwindung von Sprachbarrieren internationaler Fachkräfte.

Jüngere Menschen, die gerade in den Beruf einsteigen, bewerten dieses Potenzial zurückhaltender. Eine mögliche Erklärung liegt in ihren Erwartungen: Für die jüngere Generation gehört Digitalisierung bereits selbstverständlich zum Berufsalltag. Erfahrene Fachkräfte kennen dagegen die bestehenden Abläufe und sehen deutlicher, wo digitale Lösungen unterstützen, und nachhaltige Entlastung schaffen können.  

„Überraschend ist, dass junge Menschen weniger Potenzial in der Digitalisierung sehen. Für sie ist Digitalisierung bereits Standard und sie wissen nicht, dass die Versorgung vielleicht zehn, zwanzig Jahre hinterher ist. Erfahrene Fachkräfte sehen deshalb deutlicher, welches Potenzial digitale Unterstützung im Alltag bietet.“

Dieter Weisshaar

 

Was passiert mit der eingesparten Zeit im Versorgungsalltag?

Europaweit berichten 80,6 Prozent der Befragten, dass eingesparte Zeit unmittelbar von anderen Aufgaben beansprucht wird. Das verdeutlicht den hohen Arbeitsdruck im System. Zeitgewinne führen deshalb nicht automatisch zu einer geringeren Arbeitsbelastung.

Die gewonnene Zeit fließt sowohl in Qualität als auch in Effizienz: in bessere Dokumentation, mehr persönliche Betreuung und die Entlastung der Mitarbeitenden, aber auch in zusätzliche Aufgaben. In der ambulanten Pflege können beispielsweise weitere Klientinnen und Klienten auf einer Tour versorgt werden. Im stationären Bereich gelten dagegen Personalbemessungsgrundlagen, die bei mehr Klientinnen und Klienten keine Veränderung des Personaleinsatzes erlauben. Für die stationäre Pflege rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie die gewonnene Zeit innerhalb der bestehenden Personalausstattung für eine bessere Versorgung genutzt werden kann.

Auch die Sicherheit in der Versorgung profitiert von digitalen Lösungen. Europaweit berichten 58,9 Prozent der Befragten, dass digitale Systeme Fehler im Arbeitsalltag reduzieren, beispielsweise bei der Medikamentengabe. Eingesparte Zeit bleibt somit selten frei verfügbar, kann aber durchaus zu einer höheren Versorgungsqualität beitragen.

„Etwa die Hälfte der gewonnenen Zeit fließt in Effizienz, die andere Hälfte in höhere Qualität, Fehlervermeidung und Stressreduktion.“  

Dieter Weisshaar

 

Was erschwert die Nutzung mobiler Anwendungen?

Europaweit nutzen 50,8 Prozent der Befragten keine mobilen Anwendungen im Arbeitsalltag. Gleichzeitig wird der Qualitätsbeitrag mobiler Dokumentation in beiden Bereichen ähnlich hoch bewertet. Der Nutzen wird erkannt, im Alltag aber noch zu selten ausgeschöpft.

Ein Hindernis ist die fehlende technische Infrastruktur: Beispielsweise verfügen viele Einrichtungen der stationären Altenpflege noch nicht über WLAN. Damit fehlt vielerorts eine wesentliche Voraussetzung, um Informationen direkt während der Betreuung mobil zu erfassen.

Hinzu kommen fehlende Investitionsanreize. Personalbemessungsgrundlagen berücksichtigen häufig nicht, ob Einrichtungen noch mit Papier oder bereits digitaler Assistenz arbeiten. Solange Budgets und Vorgaben diesen Unterschied nicht abbilden, sind Investitionen trotz möglicher Entlastung schwer wirtschaftlich zu rechtfertigen.

In Deutschland sieht der Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) dafür einen neuen Finanzierungsspielraum vor. Vollstationäre Einrichtungen sollen den finanziellen Gegenwert bestimmter unbesetzter Stellenanteile für unterstützende oder entlastende technische und digitale Systeme einsetzen können. Vorgesehen sind bis zu zehn Prozent der Stellenanteile zwischen Mindest- und Höchstpersonalausstattung. Ergänzend können Förderprogramme außerhalb der laufenden Betriebsbudgets Investitionen erleichtern.

Was kann die Nutzung von KI im Versorgungsalltag unterstützen?

Nur etwa jede zweite befragte Fachkraft fühlt sich ausreichend befähigt, KI im Berufsalltag einzusetzen. Damit sich das ändert, braucht es wie bei der Einführung jeder neuen Technologie gute Schulungen.

Wer künftig per Sprache mit dem IT-System kommuniziert, verändert seine bisherige Arbeitsweise. Dieser Umgang muss geübt und durch konkrete Hilfestellung begleitet werden. Dazu gehört auch, verständlich zu erklären, was mit den erfassten Daten geschieht.

Einrichtungen und Anbieter wie myneva tragen dabei Verantwortung, Mitarbeitende auf den Einsatz KI-unterstützter Lösungen vorzubereiten. Videotrainings auf Abruf können persönliche Schulungen ergänzen. Sie helfen Mitarbeitenden, einzelne Schritte bei Bedarf direkt am Einsatzort noch einmal nachzuvollziehen.

Gleichzeitig müssen KI-unterstützte Lösungen möglichst intuitiv bedienbar sein. myneva arbeitet deshalb daran, die Benutzerführung so einfach und intuitiv zu gestalten, dass möglichst wenig Training erforderlich ist.

Was braucht es, damit digitale Lösungen im Alltag entlasten?

Europaweit sehen 63,8 Prozent der Befragten Bedarf an digitaler Unterstützung, die ihnen die richtigen Informationen zur richtigen Zeit bereitstellt. Damit diese Unterstützung im Alltag ankommt, müssen Systeme miteinander verbunden sein und Informationen nahtlos austauschen.

Das zeigt sich am Beispiel der Spracherkennung. Die Technologie ist längst auf dem Markt etabliert und es gibt zahlreiche Angebote an sprachgestützten Dokumentationssystemen. Müssen eingesprochene Inhalte anschließend jedoch manuell in die Kernsoftware übertragen werden, entsteht zusätzliche Arbeit und die gewünschte Entlastung bleibt aus.

Digitale Assistenten müssen deshalb unmittelbar und integriert in der bestehenden Softwarelandschaft arbeiten. Vitalwerte können beispielsweise direkt am Einsatzort eingesprochen werden. Die Fachkraft prüft und bestätigt die Angaben und übermittelt sie automatisch an die Kernsoftware. Eine zusätzliche manuelle Übertragung entfällt.

Angesichts des Bedarfs an internationalen Fachkräften gehört dazu auch die KI-unterstützte Übersetzung. Informationen müssen in unterschiedlichen Sprachen erfasst werden können und nach Prüfung in der Sprache der jeweiligen Organisation im Dokumentationssystem vorliegen. Entlastung entsteht, wenn diese Schritte ineinandergreifen und zusätzliche Übertragungen und Medienbrüche entfallen.

 

„Mit Hilfe digitaler Assistenten sind 20 Prozent Einsparung in einer Acht-Stunden-Schicht möglich. Das würde unser System dramatisch entlasten.“

Dieter Weisshaar

 

Was braucht eine zukunftsfähige Versorgung?

Die Trendstudie macht deutlich, dass Digitalisierung bereits Wirkung im Versorgungsalltag entfaltet, ihr Potenzial aber noch nicht voll ausgeschöpft ist. Von durchschnittlich zweieinhalb Stunden Administrations- und Dokumentationszeit pro Schicht können mit Hilfe von digitalen Lösungen bereits etwa anderthalb Stunden eingespart werden.

Der nächste Schritt führt von der digitalen Abbildung von Aufgaben zu einer aktiven Assistenz im Alltag. Mit Hinweisen, Erinnerungen und konkreten Vorschlägen unterstützen digitale Assistenten Fachkräfte, ihre Aufgaben verlässlich und mit weniger Aufwand zu erledigen.

Die Technologie für diese nächste Generation der Software steht bereits zur Verfügung. Mit einer sorgfältigen Planung können Organisationen ihre bestehenden Systeme schrittweise um digitale Assistenz erweitern.

Diese Entlastung kann zugleich dazu beitragen, den Beruf wieder attraktiver zu machen – gerade für junge Menschen, die digitale Unterstützung im Arbeitsalltag erwarten.

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